Wolfgang Ratzel: Über die Selektion des unbrauchbaren Leben durch Bevölkerungspolitik und gesellschaftliche Kostenrechnung.
Vortrag im Mehringhof, Freitag, den 17.12.2010, 19:00-22:15 Uhr- Anwesend: 25 TeilnehmerInnen

Fragestellung: Ich werde versuchen, eine Antwort auf die Frage zu geben, welche Gesichtspunkte die Selektion des unbrauchbaren Lebens bestimmen und über welche Verfahren festgestellt wird, wessen Leben unbrauchbar ist.

Begriffsklärung: Selektion kommt vom lateinischen selectio und meint: Auswahl, Auslese. selectio bezeichnet aber auch die Absonderung! Selektion bedeutet ursprünglich somit „Absondernde Auswahl bzw. Auslese„.

I. In welchem global-universalen Rahmen laufen die Selektionsprozesse?

Die Gleichzeitigkeit vieler ökosozialer Großkrisen verschärft die globale Standortortkonkurrenz im Weltsystem des Kapitalismus. Gewinner werden Standorte sein, denen es gelingt, eine „optimierte„ Bevölkerungszusammensetzung „herzustellen„ und den Zugriff auf fossile oder erneuerbare Ressourcen zu sichern. Regierungspolitik wird somit wesentlich zu einer Politik der Bevölkerungsverbesserung und Ressourcensicherung.

Hinsichtlich Bevölkerungsverbesserung ist das Optimum erreicht, wenn nur Menschen leben, die für die Produktion und Reproduktion der Standortwirtschaft nutzbar sind. Als „suboptimal„ gilt, wenn es noch Menschen gibt, die den Anforderungen des Produktions- und Reproduktionsprozesses nicht gewachsen sind oder unverschämterweise nicht gewachsen sein wollen. Dieser „Rest„ sind die Verweigerer, die aus dem System weggehen (SezessionistInnen)

II. Assoziation „Rampe Auschwitz„

Ich wähle die Selektion auf der Rampe von Auschwitz als bewusst gewollte Assoziation, denn Auschwitz kehrt heute wieder – aber anders. Die Fotos zeigen einen SS-Mann, der ankommende Jüdinnen und Juden „sortiert„: Die Frauen, Kinder, Kranken und Alten kommen nach rechts und werden direkt ins Gas geschickt. Die jugendlichen und erwachsenen Männer und alleinstehenden Frauen nach rechts: Sie werden ins Arbeitslager verbracht und werden zum Tod durch Arbeit verurteilt. Einige tausend werden aber nach ihrer Befreiung durch die Rote Armee überleben und Zeugnis ablegen.

Die Struktur der Selektion: Ein SS-Mann selektiert eine einheitliche Masse von Menschen nach dem Gesichtspunkt ihrer vermuteten Arbeitsfähigkeit in der Kriegsindustrie und auf Baustellen. Es geht nicht um Bildung und Wissen. Funktional ist allenfalls Facharbeiterausbildung. Wer in dieser Weise arbeitsfähig scheint, wird später sterben (oder vielleicht überleben). Es geht also um die Unterscheidung zwischen dem sofortigen oder aufgeschobenen Tod (und der Hoffnung zu überleben).
Die Struktur der Selektion umfasst somit eine (persönliche) Instanz, die eine Masse von Menschen nach Maßgabe dessen, was gebraucht wird, selektiert. Es zählt nur die Qualifikation und körperliche Verfassung, die gebraucht wird. Beide Seiten –die Brauchbaren und Unbrauchbaren- sind sichtbar. Auch die Selektion selbst ist sichtbar.
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III. Die Struktur der postmodernen Selektion

(1) In der Epoche des postmodernen biopolitischen Kapitalismus bleibt die Instanz, die selektiert, unsichtbar, unpersönlich und ungreifbar. Sie funktioniert als Netzwerk von Prozessen im Weltsystem des Kapitalismus, das kein „Zentrum„ mehr in Gänze beherrschen und steuern kann.
Die postmoderne Selektion funktioniert somit als anonyme strukturale Selektion?

(2) Die Selektion des unbrauchbaren Leben geschieht nunmehr in der Regel als verdeckte dunkle Kehrseite der Selektion des brauchbaren Lebens. In der Mediengesellschaft „sieht„ man in der Regel nur die Selektion und den Erfolg des brauchbaren Lebens. Das unbrauchbare Leben stirbt im Dunkeln für sich allein.

(3) Das Weltsystem des Kapitalismus tötet vermittels dieser anonymen strukturalen Selektion Jahr für Jahr zwischen 9,1 (WFP) und 36,5 Millionen Menschen (Jean Ziegler). Die kapitalistischen Verhältnisse sind somit der größte Töter aller Zeiten!
Selbst für den Fall, dass die Tötungszahlen, die z.B. über die chinesische Volkskommunebewegung und Kulturrevolution berichtet werden, zutreffen, werden sie von den Opferzahlen kapitalistischer Verhältnisse bereits in einem oder wenigen Jahren übertroffen.

(4) Nichts wird im kollektiven Gedächtnis der Menschheit mehr verdrängt, als die Abermillionenmenge der Systemopfer. Und nichts kann einfacher verdrängt werden, weil die Wirkungskette, die zum Hunger- und Seuchentod führt, komplex und verdeckt funktioniert. Wer hungers stirbt, weiß nicht warum er stirbt.

Beispiele: Als Folge der Krise 2008/09 werden zwischen 2009 und 2015 rund 1,2 Millionen Kinder unter 5 Jahren und weitere 265.000 Minderjährige mehr sterben als ohne Krise. 100 Millionen Menschen zusätzlich werden keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. (Weltbank-Studie. In: BLZ, 1.6.2010)
Beispiel Umstellung auf Biosprit: Das umweltschonende Umsteigen von AutofahrerInnen in den Zentren führt zu steigenden Nahrungsmittelpreisen und zum vorzeitigen Tod von Menschen, die schon die niedrigeren Preise kaum bezahlen konnten.

Exkurs biopolitischer Kapitalismus

(1) Wir leben seit dem 18.Jahrhundert in der Epoche der Biopolitik und Biomacht. Die vorgängige „Souveränitätsmacht„ funktionierte nach dem Prinzip „Sterben machen und leben lassen„. Die Biomacht funktioniert bis heute nach dem Prinzip „Leben machen und sterben lassen„. Ab dem 20. Jh. wird dieses Prinzip ausdifferenziert in: „Leben machen, Leben lassen, Sterben lassen, Sterben machen„.

Modell der Zwiebel: In der Biomacht sind die Vorgängerinnen Disziplinarmacht und Souveränitätsmacht wie Schalen einer Zwiebel aufgehoben und immer noch da. Die Vorformen verschwinden nicht, sondern „lauern„ unter der äußeren Hülle der „Macht-Zwiebel„. In „normalen„ Zeiten bleiben sie unbemerkt, brechen aber im Ausnahmezustand durch.

(2) Die staatlich regulierte Biopolitik besagt: Das Leben ist die Quelle von mehrwertschaffender und militärischer Kraft. Aber nicht jedes Leben ist wert-voll!
(Bis zum 19. Jh. dominiert eine chaotisch-unregulierte Biopolitik; es galt: Jedes Leben ist wert-voll)

(3) Der biopolitische Kapitalismus und seine bürgerlich Gesellschaft beruhen auf der Strategie der (disziplinierenden) Entfaltung, Aneignung und Ausbeutung des für ihr Funktionieren brauchbaren Lebens! Maßstab sind nicht die Bedürfnisse des individuellen Lebens, sondern die Bedürfnisse des entfaltenden Systems.

(4) Die Selektion funktioniert als Unterscheidungsmaschine zwischen dem Brauchbaren (Produktiven, Nutzbaren, Nützlichen, Verwertbaren) und Unbrauchbaren (Unproduktiven, Unnützen, Nichtverwertbaren, Abfall).

(5) Die Selektion des brauchbaren Lebens ist das Hauptmittel der Biopolitik, um „Leben zu machen und sterben zu lassen„.
Das Sterben-lassen und Sterben-machen ist die dunkle Kehrseite des Leben-machen (auch im Nationalsozialismus geschah das „Sterben-machen„ eher im Dunklen).

Die zentrale Frage lautet:
Wie kann eine Macht töten, die das Leben entfalten und abschöpfen will?

Hier kommt der staatliche Rassismus als biologischer Rassismus ins Spiel!
Statt Kampf zwischen Rassen und Klassen geht es nunmehr um die Reinhaltung der Rasse (und Klasse) als Vorbedingungen des Sieges im Rassen- bzw. Klassenkampf. (Quelle: Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft, Vorlesung vom 17.3.1976, S.276ff.)

Wie funktioniert der staatliche biologische Rassismus? Wie geschieht die rassistische Selektion im sozialen Raum?
Der Rassismus fragmentiert das Kontinuum der Bevölkerung. Der Rassismus führt sozusagen eine Zäsur ein zwischen dem, was leben soll, und dem, was sterben kann oder sterben muss. (Foucault, S. 295)Die Zäsur bewirkt aber vor allem eine positive Beziehung zum Töten: „Je mehr du sterben lässt, um so mehr wirst du eben deswegen leben.„

Die Botschaft lautet: Dein Leben als Teil der Gattung beruht auf dem Tod der eigenen Anormalen und Degenerierten. Der Tod der degenerierten Rasse wird das Leben im allgemeinen gesünder machen - gesünder und reiner.
„Rasse, Rassismus ist die Bedingung für die Akzeptanz des (souveränen Rechts) des Tötens in einer Normalisierungsgesellschaft.„ – und zwar als direktes und indirektes Töten wie Vertreibung, Abschiebung, Ausschaffung. (Foucault, 296)

Beispiel Afghanistan: Um die Taliban töten zu können, muss das US-Militär die Taliban verunmenschlichen und zum absoluten Feind erklären. Umgekehrt müssen die Taliban die Amerikaner verunmenschlichen, um sie töten zu können.
Beispiel hierfür: Die Leitlinie des US-Generals und Isaf-Kommandeurs David Peträus: „Gemeinsam mit unseren afghanischen Partnern rammt eure Zähne in das Fleisch der Aufständischen und lasst nicht nach.„ (In: Tagesspiegel, 3.8.2010, S.1)

Nach der gleichen Logik funktioniert auch der Sozial-Rassismus bzw. sozialistische und anarchistische Rassismus. Denn sofern der biopolitische Sozialismus oder Anarchismus seine Feinde töten will, muss er sie zu nicht-lebenswerten Menschen erklären. Die Botschaft lautet dann: Kapitalisten, Kulaken, Regierende, Banker, Spekulanten usw. sind absolute Feinde und Un-Menschen, also dürfen und müssen wir sie töten. (Foucault, 304)

Gibt es eine nicht-rassistische Selektion?

Ja! - die ökonomische Selektion braucht keinen Rassismus: „Aber sobald es darum geht, sich vorzustellen, dass man ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht und körperlich mit ihm kämpfen, sein eigenes Leben riskieren und ich zu töten versuchen muss, benötigt man Rassismus.„ (Foucault, 304)

Das Paradoxon des „biopolitischen Kapitalismus„ lautet:
Der Kapitalverwertungsprozeß funktioniert optimal, wenn er sich ohne Zielkonflikte entfalten kann! - wenn also die Selektion des gebrauchten Lebens nur um die Achse der maximal-möglichen Kapitalakkumulation kreist.
Die Kapitalakkumulation in ihrer reinen „nihilistischen„ Form funktioniert ohne Rassismus (und andere idenditäre Zuschreibungen wie Sexismus, Antisemitismus, Nationalismus usw.).
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Ich stelle nun die wichtigsten laufenden Selektionsprozesse
des brauchbaren und unbrauchbaren Lebens vor:

Vorbemerkung: Die Selektionsmethoden sind janusköpfig: sie können rassistisch oder rein nach Verwertbarkeitsgesichtspunkten bzw. ökonomisch gerechtfertigt werden!

(1) Selektion durch Terms of Trade* (Handelsbedingungen, Kreditvergabe, Umschuldung, Schuldenerlass usw.)
* Der Begriff Terms of Trade (TOT) bzw. Einfuhrtauschverhältnis oder Realaustauschverhältnis bezeichnet eine Fehler! Textmarke nicht definiert. Maßzahl für das reale Austauschverhältnis zwischen den Fehler! Textmarke nicht definiert. und den Fehler! Textmarke nicht definiert. Fehler! Textmarke nicht definiert. eines Landes. Dabei wird ein repräsentativer Warenkorb zu Grunde gelegt. Mit dem Begriff Terms of Trade wird oft der reale Wechselkurs bezeichnet.

(2) Selektion durch technisch-wissenschaftliche Innovation;

(3) Selektion durch Rationalisierung und Betriebsverlagerungen;

(4) Selektion durch Takeovers mit dem Ziel eines weltweiten Gesamtkapitalisten

(5) Selektion durch gesellschaftliche Kostenrechnung als Generationenbilanzrechnung (siehe Merkblatt);

(6) Selektion durch Geburtenförderung und Geburtenverhinderung;
- sozial-eugenische Verfahren
- Kostenrechnungsverfahren

(7) Selektion durch Sterbeförderung oder Sterbeverhinderung;

(8) die Selektion des verwertbaren erwerbslosen Lebens als Strategie „Arbeit gegen Grundsicherung (workfare)„; Unterscheidung zwischen „good workfare„ und „bad workfare„

(9) die Steuerungsverfahren von erwünschter und unerwünschter Immigration (Merkblatt);

(10) Die Privatselektion (verschränkt mit der bevölkerungspolitischen Steuerung durch Gesetze): d.h. Ungeborenen-Selektion durch PID; d.h. durch die individual-eugenischen Verfahren wie z.B. Präimplantationsdiagnostik.
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Was aber soll mit den selektionierten Menschen geschehen, die als unbrauchbare Kostenfaktoren gelten?

Alternative 1: Kostengünstige Integration bzw. Inklusion im Sinne eines „Auskämmens„ der Vielleicht-doch-noch-Brauchbaren. Das geschieht durch Integrationsmaßnahmen u.a. der JobCenter (siehe: Betreuungsstufen-Konzept gemäß SGB II, § 10 und § 54,3)

Alternative 2: Leben lassen durch kostengünstige Aufbewahrung
(a) in der Gesellschaft? (b) in Ghettos, Slums und Lagern?

Alternative 3: Sterben lassen oder Sterben machen durch Zerschlagung der sozialen Sicherungssysteme bzw. Verzicht auf Errichtung derselben.
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Am Schluss steht die „Gretchen-Frage„:
„Nun sag, wie hast du’s mit der Bevölkerungspolitik?„

Stellt Dir vor, Du lebst in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft: Gibt es so etwas wie eine „emanzipatorische„ Selektion?

These 1: Selektion des Brauchbaren vom Unbrauchbaren ist universell und im Detail notwendig und unvermeidbar. Es kann nur darum gehen, wie nach welchen Gesichtspunkten selektiert wird.

These 2: Alle auf Revolution gerichteten ideologischen Modelle (Anarchismus, Revolutionärer Marxismus, Nationalrevolutionäre usw.) sind wesensmäßig sozialrassistisch (Foucault, S.304) und somit unfähig zu einer nicht-rassistischen „emanzipatorischen„ Selektion!

These 3: Eine „emanzipatorische„ Selektion muss die herkömmlichen Selektionsmethoden gemäß „Modell Bergbau„ durch eine Selektion gemäß „Modell Landwirtschaft„ ersetzen (analog Lewis Mumford: Die Stadt)

Zur Erläuterung: Das „Modell Bergbau„ besagt: „Das Neue wird geschaffen im Verlauf der peinlich genauen und unbarmherzigen Trennung des Zielprodukts von allem anderen, das seiner Entstehung im Weg ist. Reine Metalle […] erhält man nur, indem man Schlacke und Asche vom Erz trennt.„ (Zygmunt Bauman: Wasted Lives, S. 33)

Das „Modell Landwirtschaft„ besagt: Im ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens von allem, was sich im Kreislauf bewegt, geht nichts verloren. Alles dient allem. Alles ist ein ewiges Geben-und-Nehmen.

Das Leben im Kreislauf des Werdens und Vergehens und Gebens-und-Nehmens grenzt aber jene aus, die sich diesem Kreislauf entziehen.

Fünf Thesen zu alter und anderer Bevölkerungspolitik

1.
Die herrschende Politik und Regierungsweise setzt die „Formel„ des biopolitischen Kapitalismus um, und die lautet:

Die Gesamtarbeitskraft der Bevölkerung wird je nach ihrer Verwertbarkeit in viererlei Weise „behandelt„: Leben machen – Leben lassen – Sterben lassen – Sterben machen.

2.
In der Epoche des biopolitischen Kapitalismus ist alle Politik hauptsächlich wertentfaltende Bevölkerungspolitik (und Politik der Ressourcensicherung). Und jede solche Bevölkerungspolitik ist immer schon eine Politik der Selektion des gebrauchten Lebens.

3.
Jede Selektion des gebrauchten Lebens betreibt auf ihrer Kehrseite eine Selektion des nicht-gebrauchten und unbrauchbaren Lebens.

4.
Jede Selektion des unbrauchbaren Lebens führt zum vorzeitigen, frühen oder sofortigen Tod.

5.
Eine linke, andere und neue Bevölkerungspolitik muss die Unterscheidung zwischen gebrauchtem und unbrauchbarem Leben ersetzen durch die Unterscheidung zwischen erwünschten und unerwünschten Lebensweisen.

Für linke, humanistische, andere und neue Bevölkerungspolitik gilt das jüdisch-christlich-abendländisch-säkularisierte Gebot der Lebensheiligung!
Sie darf niemals unerwünschtes Leben töten (weder abrupt noch stückweise). Sie darf und muss aber bestimmte Lebensweisen behindern oder verhindern.
Die offene Frage lautet: Was tun mit den unerwünschten Lebensweisen?

„Gesellschaftliche Kostenrechnung„
Selektion und Geburtenverhinderung durch Steuerpolitik

Die Frage lautet: Was kosten heutgeborene durchschnittliche Kinder den Staat, und was erwirtschaften diese Kinder ihr langes Leben lang?

Ausgaben (Kosten) Einnahmen (Nutzen)

Kosten der Geburt Zu erwartender Mehrwert durch Erwerbsarbeit
Kosten der Erziehung
Kosten der Ausbildung Zu erwartende Sozialabgaben
Anteilige Infrastrukturkosten (= RV, KV, PflV-Prämien)
Kosten der Verwaltung
Kosten der Verteidigung Zu erwartende Steuerzahlungen
Kosten der Inneren Sicherheit
Kosten der Grundsicherung
Kosten der Krankheitskosten
Kosten der Renten
Ökologische Kosten (u.a. Landschaftsverbrauch)

Was unter dem Strich rauskommt, kann man in den Strukturberichterstattungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) nachlesen; ich zitiere:

„Die ‘Produktion‘ eines Kindes kostet die Gesellschaft heute im Durchschnitt netto rund 162.000 Schweizer Franken über dessen ganzen Leben gerechnet!„ (Kurs: 1 sfr = 0,66 Euro). Genauer:

Künftige Durchschnittsmänner bringen lebenslang einen läppischen Pro-Kopf-Nettogewinn von 81.000 sfr;

Künftige Durchschnittsfrauen kosten –weil sie weniger Steuern und Abgaben zahlen werden- je 417.000 sfr.

„Finanziell lohnend für die Gemeinschaft„ sind nur Kinder, „die besonders produktive Menschen„ werden, weil sie „wegen des progressiven Steuersystems weit überproportional für die öffentlichen Lasten aufkommen.„

(Fundstelle: vgl. Reiner Eichenberger: «Wirtschafts-, nicht Bevölkerungswachstum braucht das Land» - Über staatliche Geburtenförderung, Ressourcenknappheit und Überbevölkerung – In: Neue Zürcher Zeitung, 03.05.2009)

Merkblatt 5: Königsweg „Skilled Immigrants„ ?
Selektion des nützlichen Lebens durch qualifizierte Einwanderung

Der Königsweg wäre qualifizierte Einwanderung. Denn „skilled immigrants„ böten die optimale Problemlösung. Seit 1987 hat man über 12 Millionen Fremde nach Deutschland geholt. Aufgeklärte Iraner sind darunter, die vor Teherans Fanatikern flüchten; russische Juden, die dem Antisemitismus entkommen wollen, und Vietnamesen, die schon die DDR holte. Ihre Kinder schaffen bessere Abiturnoten als der Nachwuchs des deutschen Bildungsbürgertums. Sie erfüllen die politökonomischen Kriterien des qualifizierten Einwanderers, der Lern- und Leistungsfähigkeit mitbringen sollte. Unter Kanadas Einwanderern erfüllen fast 100 Prozent dieses Kriterium, in Australien knapp 90 Prozent. Kanada wird zur ersten Nation, die bei den (oft chinesischen) Zuwandererkindern einen höheren Intelligenzquotienten (IQ) misst als bei den Alteingesessenen.

Zwischen Rhein und Oder hingegen liegen Migrantenkinder - von den begabten Ausnahmen abgesehen - tiefer unter dem einheimischen Leistungsniveau als irgendwo sonst auf der Welt. In den Pisa-Tests haben sie als Fünfzehnjährige 100 Punkte beziehungsweise zwei Lernjahre Rückstand. 44 Prozent dieses Fünftels der Bevölkerung bleiben ohne Berufsausbildung. „Die Zeit„ schrieb jüngst, dass für dieses Debakel die „Ursache noch niemand gefunden„ habe. Doch die Antwort ist einfach: Deutschland rekrutiert seine Einwanderer vorrangig nicht aus Eliten, sondern aus den Niedrigleistern des Auslands, weshalb man eben nur etwa 5 Prozent qualifizierte Einwanderer gewinnt. Und deren Nachwuchs schleppt die Bildungsschwäche weiter.

(vgl. Gunnar Heinsohn: Sozialhilfe auf fünf Jahre begrenzen. In: F.A.Z. vom 16.3.2010)
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Beispiel: Immigrationspolitik Kanada

1967 wurde ein Punktesystem eingeführt, anhand dessen Sachbearbeiter in den Einwanderungsbehörden Punkte für Bildung, Sprachkenntnisse und Arbeitsmarktchancen bis zu einer festgelegten Höchstzahl vergeben.
Die Kategorien, in denen Punkte verteilt werden, änderten sich über die Jahre ebenso wie die Mindestsumme, die zur Zulassung erzielt werden muss. Dieses System ist jedoch nach wie vor das Herzstück der kanadischen Einwanderungspolitik.
Fehler! Textmarke nicht definiert.Der Auswahl nach dem Punktesystem müssen sich nicht alle potenziellen Zuwanderer unterziehen. Sie betrifft lediglich die Hauptantragsteller in der Kategorie „Wirtschaft„, nicht aber ihre Familienangehörigen. Das bedeutet, dass 2005 lediglich rund 23 % aller dauerhaft zugelassenen Einwanderer anhand von Sprachkenntnissen, Bildungsgrad, Alter, Berufserfahrung, Anpassungsfähigkeit oder bereits vereinbartem Arbeitsverhältnis ausgewählt wurden.

Auswahlkriterien Punkte-Maximum
Bildung 25
Sprachkenntnisse 24
Berufserfahrung 21
Alter 10
Stellenangebot 10
Anpassungsfähigkeit 10
Gesamtzahl (Maximum) 100
Mindestsumme (aktuell) 67

Seminar Mehringhof – Samstag, 18.12.2010 – Streitgespräch Wolfgang Ratzel vs. Robert Ulmer - Anwesend waren 36 TeilnehmerInnen

Wolfgang Ratzel: Über die Notwendigkeit und das Glück, gebraucht zu werden. Handlungsstrategien von Ausgegrenzten und Randständigen im Widerstand gegen die Verwertungslogik der Bevölkerungspolitik.

Anknüpfungspunkt: Derzeitige Widerstandsformen
In der Regel kämpfen die, die gebraucht werden! Sie kämpfen darum, in welcher Weise sie gebraucht werden. Beispiele: Streiks, Generalstreiks, Kundgebungen, Demonstrationen in Griechenland, Spanien, Frankreich, England, Italien, Stuttgart 21 usw.

Gebrauchtwerden Û Brauchen Û Gegenseitigkeit Û Wechselseitigkeit Û Anerkennung Û Selbstbild
Mein Gebrauchtwerden setzt voraus, dass die Anderen mich brauchen. Das Brauchen und Gebrauchtwerden vollzieht sich im Modus der Gegenseitigkeit und Wechselseitigkeit.
Ich werde anerkannt dadurch, dass meine Werke gebraucht werden (bezahlt oder unbezahlt). Ich kann mich nur durch diese Anerkennung im sozialen Raum selbst erkennen.

Zehn Thesen

(1) Ich brauche immer Dich und die Anderen und Du und die Anderen brauchen mich!
Brauchen und Gebrauchtwerden funktioniert als zentraler Modus meiner persönlicher Entwicklung und Herstellung von Sozialität.
Mein Dasein ist existenziell bedroht, wenn mich die Anderen nicht mehr brauchen.

(2) Ich brauche aber nicht nur die Mitmenschen sondern auch Tiere, Pflanzen, organische und anorganische Ressourcen, um überleben und gut leben zu können.
Umgekehrt brauchen Tiere, Pflanzen und Ressourcen mich als Person, die sie so weit wie möglich in Obhut nimmt.

(3) Das Brauchen und Gebrauchtwerden erstreckt sich auf die ganze Person. Ich bin keine multiple Persönlichkeit, die sich in zahlreiche unterschiedliche Persönlichkeiten, zersplittert, und die abwechselnd die Kontrolle über mein Verhalten übernehmen. Ich zersplittere meine Person nicht in Arbeit und Eros, in eine arbeitende, liebende, lernende, sich-erholende Person.
Deshalb brauche ich Dich und die Anderen als Arbeitender, als Liebender, als Müßiger und Sich-Erholender, als Lernender, als Mensch in Krankheit, Unglück und Not.
Es gibt keinen Lebensbereich, in dem ich nicht brauche oder gebraucht werde.

Unterscheidung der Weisen und Gestalten des Brauchens und Gebrauchtwerdens:

(4) Uneigentliches Brauchen und Gebrauchtwerden: Brauchen und Gebrauchtwerden zum Zwecke des Überlebens

(5) Eigentliches Brauchen und Gebrauchtwerden - im Rahmen eines mir eigenen guten und sinnvollen Lebens

(6) Horizont: Die Empfindung der Glückseligkeit - Glücklich sein beim Brauchen und Gebrauchtwerden.

(7) Das Brauchen und Gebrauchtwerden geschieht in vielerlei Gestalt, hauptsächlich:
- als Arbeit (Hausarbeit, Ehrenamt und Freiwilligendienst, Lohnarbeit oder selbständige und freiberufliche Arbeit
- als Zuwendung – gemeinschaftliche, gesellschaftliche, bekanntschaftliche, verwandtschaftliche, freundschaftliche, verliebt-erotische Zuwendung

(8) Lebensabschnittsübergreifende Zustände des einseitigen Brauchens der Anderen:
- bei Krankheit und Verletzung
- bei Hilflosigkeit, Unglücksfällen, Katastrophen
- in Not und bei Schicksalsschlägen

9. Die je-eigene Biographie (Lebenspfeil)

9.1. Geburt: Ich brauche meine Eltern, insbesondere meine Mutter, um geboren zu werden.
Meine Eltern wollen und brauchen mich für ihren Lebenssinn und Lebensglück.

9.2. Kindheit: Ich brauche meine Eltern, meine Kita-ErzieherInnen, meine LehrerInnen, meine Ärzte und Ärztinnen.
Ich werde gebraucht als Nachfolger und Fortsetzer und mehr und mehr als Mithelfender.

9.3. Jugend: Ich brauche meine Eltern, meine LehrerInnen, meine AusbilderInnen, meine KollegInnen in politischen und gewerkschaftlichen Organisationen, meine FreundInnen und Bekannte in Sportvereinen und Kulturinstitutionen.

Ich brauche meine große Liebe(n) und werde als große Liebe von ihr oder von ihm gebraucht.

Die (Dorf-)gemeinschaft braucht mich, um das geistige, politische, kulturelle und sportliche Zusammenleben zu bereichern.

9.4. Erwachsensein: Jenseits des Brauchens und Gebrauchtwerdens in der Liebesbeziehung und in Freundschaften brauche ich Institutionen (Unternehmen, Projekte, Institutionen) als Rahmen für die Entfaltung meiner Produktivität. Ich brauche Lohnarbeit, um „gut„ überleben zu können.
Sofern ich selbständig oder freiberuflich arbeite, brauche ich Kunden, die meine Produkte kaufen wollen.

Die Unternehmen und Institutionen brauchen mich, um Waren und Dienstleistungen zu produzieren; sie brauchen mich als Quelle des Mehrwerts, den sie sich aneignen. Bestenfalls kann ich erwarten, fair gebraucht zu werden.
Meine Kunden brauchen mich, weil sie selbst die Ware oder Dienstleistung nicht herstellen können.

9.5. Alter: Über das Brauchen und Gebrauchtwerden in der Liebesbeziehung und in Freundschaften hinaus brauche ich die Anderen, weil ich mich nicht mehr umfassend selbst versorgen kann.
Ich werde immer weniger gebraucht – die Anderen können höchstens noch aus meiner Lebenserfahrung zu lernen.

9.6. Tod: Ich brauche die Anderen, um begraben zu werde,
Ich werde als Teil der Erinnerung und Lebenserzählung der Nachkommen gebraucht.

10. Summa
Der Mensch wird in das Mitsein und die Teilhabe mit den Anderen hineingeboren. Er kann nur Mensch bleiben, wenn er als ganzer Mensch durch Liebe, Freundschaft, Solidarität, Arbeit, Muße und Kommunikation mit den Mitmenschen vernetzt bleibt.

Wird er für überflüssig erklärt, beginnt er stückweis zu sterben. Im Nichtgebrauchtwerden lauert der vorzeitige Tod.
Jede Strategie einer randständigen Selbstbehauptung muss deshalb darauf zielen, im gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess gebraucht zu werden.

Das pragmatisches Nah-Ziel jener Strategie muss sein, eine Struktur des Gebrauchtwerdens durchzusetzen und auszubauen.

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