Familiäre Belastungen


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Die familiäre Dynamik kann durch die Erwerbslosigkeit und besonders Armut negativ beeinflußt werden. Die Armut hat häufig auch Auswirkungen auf Familienangehörige. Die finanziellen Einschränkungen führen zu seelischen Belastungen und zu innerfamiliärer Spannung. Erwerbslose haben oft ein Gefühl der fehlenden Akzeptanz durch die Familie. Väter werden weniger als Vorbild angesehen. Durch die häufige Präsenz im Haushalt können Beziehungsprobleme entstehen. Auch das Erziehungsverhalten ändert sich oft, besonders der Vater kann autoritäre Verhaltensweisen zeigen. Gewalt in Erwerbslosenhaushalten ist keine Seltenheit, Gewalt gegen Frauen und Kindesmißhandlungen nehmen zu. Der Anstieg familiärer Konflikte während der Erwerbslosigkeit ist mit einem Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben verbunden. Unter der sozialen Isolation der Familie leiden besonders die Kinder. Sie leiden ebenso unter den Geldproblemen. Das Geld für Kontakte mit Gleichaltrigen fehlt häufig. Kinder werden ausgeschlossen von Gemeinschaftsveranstaltungen Gleichaltriger, gezwungen zum Verzicht hinsichtlich von Freizeitaktivitäten, Kleidung, Spielzeug u.a. und werden so zu Außenseitern. In der Schule werden sie stigmatisiert. Hierbei muß man allerdings differenzieren. Es gibt soziale Brennpukte, wo Erwerbslosigkeit und Armut normal sind. Wer sollte sie dort stigmatisieren, vielleicht die Mittelschichtslehrer ? Nur wenn sie dort aufgrund der Armut und Familienprobleme durch abweichendes Verhalten auffällig werden, beginnen auch in der Schule die Probleme. In der Literatur wird oft behauptet, Erwerbslosigkeit wird sozial vererbt. Viele Kinder Erwerbsloser hätten negative Schulkarrieren, geringe Qualifikation führe wiederum zu häufiger Erwerbslosigkeit. Dabei muß man allerdings beachten, daß auch immer mehr Akademiker und Akademikerinnen von Erwerbslosigkeit betroffen sind, die wiederum auf die Bildungskarriere ihrer Kinder achten. Und auch eine gute Qualifikation schützt heute nicht mehr vor Erwerbslosigkeit. Auffällig in der Literatur ist, daß Erwerbslosigkeit zumeist mit der Unterschicht in Zusammenhang gebracht wird, diese Theorien sind veraltet. Das Problem ist doch meistens die Armut, so erhalten viele erwerbslose Akademiker und Akademikerinnen zusätzlich Unterstützung durch Angehörige und sind durch ihre Kompetenzen in der Lage, Erwerbslosigkeit besser zu bewältigen. So kann auch bei Erwerbslosigkeit eine gute familiäre Atmosphäre herrschen. Und auch die Kinder könnnen gute Schulkarrieren haben. Die soziale Vererbungslehre ist nicht nur vereinfachend, sondern auch diffarmierend. Wenn aufgrund der Erwerbslosigkeit und Armut Familienprobleme auftreten, werden in der Literatur folgende Störungen bei Kindern mitgeteilt: Minderwertigkeitsgefühle, Entwicklungsstörungen, psychosomatische Beschwerden, schwerwiegendenervöse Symptome, funktionelle Störungen ohne feststellbare organische Ursachen, kriminelleDelikte. Kleine Kinder weisen regressive Symptome auf, z.B. Bettnässen, Schlafstörungen, Nägelkauen, Autoaggression. Schulkinder seien resigniert und entmutigt bei zunehmender Arbeitslosigkeitsdauer. Die emotionalen Probleme in der Familie würden die Kinder von der schulischen Mitarbeit ablenken, die Folge sei die Verschlechterung der Schulleistungen. Die Eltern hätten dabei oft ein geringes Interesse an Schulleistungen, wobei wir wieder bei dem Vorurteil über die Unterschicht wären. Oder wer hat in dieser Gesellschaft ein geringes Interesse an dem Bildungsweg der Kinder ? In einer Gesellschaft, in der immer mehr Kinder studieren, um überhaupt eine berufliche Chance zu haben. Das Problem ist doch nicht das Desinteresse an der Bildungskarriere der Kinder, sondern die Angst vor der Stigmatisierung der Kinder durch Schüler und Lehrer. Die Erwerbslosigkeit wird so lange wie möglich verschwiegen und vertuscht. Die Familie wird zum Auffangbecken für soziale Probleme, die von der Gesamtgesellschaft verursacht werden. Soziale Unterstützung ist ein wichtiger Faktor, der die Verarbeitung von Erwerbslosigkeit erleichtert. Besonders Alleinerziehende leiden unter einer isolierten Situation. Viele erwerbslose Eltern fühlen sich der Verantwortung für ihre Kinder nicht mehr gewachsen. Kinder leiden besonders, wenn es in einer Gruppe deutliche Unterschiede im Wohlstandsnniveau gibt. Sie befürchten um ihre soziale Anerkennung, Minderwertigkeitskomplexe sind zu erwarten. Vielfach wird die Familie als Gegenbild für die Arbeitswelt entworfen, als Schutzraum, in den sich die Erwerbstätigen nach der Arbeit zurückziehen können. Dieser Schutzraum, so er tatsächlich existieren sollte, wird jedoch zum Käfig, wenn die Arbeitswelt als Gegenentwurf fortfällt.


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