Armutsgeschichte -eine Einführung


Zurück

In der Antike wurde zwischen geistiger und körperlicher Arbeit differenziert. Wer körperlich arbeitete, war kein Vollbürger.
Im Mittelalter erfolgte durch die Kirche eine Umbewertung des antiken Arbeitsbegriffes. Die Handarbeit wurde gegenüber dem Müßiggang als gutes Werk festgelegt. Arbeit diente der Überwindung des Müßigganges, der Beschaffung des Lebensunterhaltes, und als religiöse Übung zur Bezähmung des Körpers. Da die kirchlichen Vertreter "intellektuelle" Arbeit leisteten und auch das Beten als Arbeit verstanden, bewerteten sie auch hier geistige Arbeit höher als körperliche. Im europäischen Mittelalter war Arm-Sein keine Schande. Die Bettler und Armen waren "heiliger Stand", denn sie boten Anlaß zur gottgefälligen Mildtätigkeit. Vom Betteln lebten aber auch umherwandernde Handwerker, arbeitslose Tagelöhner, Kleinkünstler, Krüppel und alle, die aus irgendeinem Grund ohne Land und ohne Dach über dem Kopf waren. Bei den Almosen und milden Gaben wurde keineswegs nach der Bedürftigkeit gefragt. Wer sich selbst als arm einschätzte, konnte um Unterstützung bitten. Unwichtig war auch, was die Not lage verursacht hatte. - An diesen Verhältnissen änderte sich erst im 15. und 16. Jahrhundert etwas Grundsätzliches. Im 16.Jahrhundert, der Epoche der Reformation, wurde die allgemeine Arbeitspflicht eingeführt, da es keine sittlich begründete Befreiung von Arbeit mehr geben durfte, außer infolge von Krankheit und Alter. Der Kampf richtete sich gegen die Arbeitsscheu "unten", vor allem gegen das Betteln. Nicht nur der Protestantismus spielte eine Rolle, sondern auch andere Faktoren wie die Arbeits-teilung zwischen Stadt und Land und vor allem das Ausbreiten der Geldwirtschaft. Das Verhältnis zur Arbeit und zum Geld änderte sich. Die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land breitete die Geldwirtschaft immer mehr aus. Statt unmittelbar für den Verbrauch wurde immer mehr für den Verkauf auf dem Markt produziert. Abgaben mußten nun in Geld geleistet werden. Die Leibeigenschaft wurde drückender, freie Bauern versackten in Schulden. Leibeigene und verschuldete Bauern flohen in die freien Städte. Dort gab es aber für die wenigsten Arbeit und Lohn. Sie mußten also vom Betteln leben. Es wird geschätzt, daß damals 20% der städtischen Bevölkerung in absoluter und 60% in relativer Armut lebten. Diese Ausmaße wurden mit dem traditionellen Bettelwesen nicht mehr bewältigt.

Zurück