Das 15. und 16. Jahrhundert- der Kampf gegen das Betteln


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Im 15.Jahrhundert wandelt sich die gesellschaftliche Beurteilung des Bettelns, es gibt viele Klagen. Es wird häufig behauptet, Schuld sei die Zunahme des Massenelends. Die Entwicklung der Städte ist mit der Entfaltung der Ware-Geld-Beziehungen verknüpft, die Fürsorgerreform orientiert sich an den Normen der handwerklichen Mittelschicht und auch die protestantische Arbeitsethik tritt immer stärker hervor. Die unteren Bevölkerungsschichten im Spätmittelalter sollen zu Arbeitsdisziplin, Fleiß, Ordnung und Gehorsam erzogen werden. "Der Arbeitsgedanke steht im Zentrum aller zeitgenössischen Bemühungen (im Absolutismus) um die Versorgung der Armen, und der "mutwillige", der "liederliche" Bettler ist der negative Bezugspunkt aller einschlägigen Regelungen. Damit wird die Unterstützung der "wahrhaft Bedürftigen" von den Schwindlern und Simulanten zum zentralen Problem der Almosenämter..."
Der 1.Schritt war, ein Bettelzeichen einzuführen, das von einer Bettelbehörde ausgestellt wurde.
2. wurde das Kriterium der Bedürftigkeit eingeführt, die von 2 ehrenhaften stadtbekannten Bürgern bestätigt werden mußte.
3. Schritt war die Selektion. Es wurde zwischen eigenen und auswärtigen Armen unterschieden. Auswärtigen Armen wurde das Bettelzeichen verweigert, sie mußten nach 3 Tagen die Stadt verlassen. Der nächste Schritt war, Auflagen einzuführen. Das Bettelzeichen wurde nur noch vergeben, wenn Auflagen erfüllt wurden. Man beschloß Bettelordnungen. So waren den Armen Wirtshäuser und "andere Stätten des Lasters" verboten. Bettler wurden in dieser Zeit zum Niedrigsten und Schlechtesten der Gesellschaft. Arm-Sein war nun nicht mehr bloß Mangel und Not, sondern dazu noch eine Schande. Das hatte vor allem 3 Gründe:
1. Um diese Zeit verfestigte sich die städtische Standesordnung. Waren Bettler und Arme zuvor der Bodensatz in jedem einzelnen Stand, so wurden sie jetzt der unterste Stand.
2. Aus der allgemeinen Armut wurden Personengruppen herausgehoben und auf eine bessere Ebene gestellt. So gründeten die Gesellen Unterstützungskassen.
3. Das Verhältnis zur Arbeit und zum Geld veränderte sich. Für die aufstrebenden Zunfthandwerker und Kaufmannsgilden hatte Arbeit einen anderen Stellenwert. "Arbeit adelt", eine Anschauung, die der Adel keineswegs teilte. Arbeit wurde wegen des Einkommens geleistet. Und der Umkehrschluß war dann, daß Menschen, die kein eigenes Einkommen hatten, eben nicht genügend gearbeitet hätten. Und wurden die Armen zuvor noch aus dem Überfluß der Naturalwirtschaft versorgt, bei Mangel mußten beinahe alle hungern, so wurde jetzt mit dem Geld gehaushaltet. Geld verspricht, sich in alles verwandeln zu können. Und Geld verdirbt nicht, so daß es keine Notwendigkeit gibt, es mit anderen teilend zu verzehren. Geiziges und eifersüchtiges Haushalten war jetzt die Devise. Die Armen wurden dabei nur noch als Last empfunden. Sachße und Tennstedt machen die Wandlungen der städtischen Armenfürsorge an 4 Aspekten fest:
1. die Kommunalisierung: Die Zuständigkeit für die Almosenvergabe wird von der Kirche auf die städtischen Räte übertragen. Die Almosenvergabe wird strenger reglementiert, zunächst wird das Betteln Regeln unterworfen, dann ganz verboten. Dafür werden eine kommunale Unterstützungspflicht für Arme und eine örtliche Zuständigkeit eingeführt, fremde Bettler werden verdrängt.
2. die Rationalisierung: Es bilden sich feste Kriterien heraus, die für den Empfang der Unterstützung berechtigen. Solche Kriterien sind die Arbeitsfähigkeit, das Arbeitsein-kommen und die Familiensituation. Und es geht um eine Vereinheitlichung der Finanzierung. "Das Almosen beginnt, sich von einer religiös motivierten Mildtätigkeit zur zweckrationalen sozialpolitischen Strategie zu wandeln."
3. die Bürokratisierung: Es wird ein Verwaltungsapparat errichtet, es entsteht eine "Sozialadministration, die sich zwischen den spendenwilligen Bürger und den almosenheischenden Armen schiebt". Mit der Überprüfung der Kriterien entsteht auch die Gruppe der "Bedürftigen". Armut tritt als soziales Problem ins Bewußtsein. Die Bettelzeichen markieren die Grenzlinien zwischen den "guten" und "bösen" Bettlern, die letzteren sind kriminalisiert, weil sie keine Unterstützung erhalten.
4. die Pädagogisierung: Es werden Moral- und Verhaltensregeln aufgestellt. Das Bettelzeichen dient der Durchsetzung dieser Regeln. Die Regeln orientieren sich an den Normen und Werten der städtisch-handwerklichen Mittelschicht: Fleiß, Ordnung, Disziplin und Mäßigung. "Mit der Nicht-Arbeit treten nunmehr auch die Ursachen von Armut und Bettelei ins Blickfeld, und die städtische Armenfürsorge entwickelt sich zu einem Instrument der Arbeitserziehung." Arbeitsdisziplin und Wohlverhalten stehen im Mittelpunkt der Erziehungsstrategie.

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